Lagererrichtung

Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Die steigende Zahl weiblicher Häftlinge ließ die Inspektion der Konzentrationslager nach einem neuen Standort suchen. Sie fand ihn im Dorf Ravensbrück in Mecklenburg nahe dem Ort Fürstenberg. Der Runderlass des Reichsinnenministeriums von Ende 1937 über die „vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“ hatte die Zahl der staatlich Verfolgten deutlich anwachsen lassen. In Haft genommen werden konnte nun, „wer ohne Berufs- und Gewohnheitsverbrecher zu sein, durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet“. Was als asozial galt, blieb dabei offen. Bereits 1938 gehörten 40% der Weiblichen Gefangenen im KZ Lichtenburg zu den „asozialen Vorbeugehäftlingen“.

Aufbau des Frauenlagers Ravensbrück – 1939

Für den Bau des KZ Ravensbrück wurden ab Januar 1939 männliche Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen sowie zahlreiche örtliche und überregionale Firmen eingesetzt. In dieser ersten Bauphase entstanden zwölf Wohnbaracken sowie sechs weitere Baracken mit verschiedenen Funktionen. Gleichzeitig begann der Bau des Wirtschaftsgebäudes mit Küche und Bad. Auch die Lagermauer, die Kommandantur sowie die ersten Wohnhäuser für das Bewachungspersonal wurden errichtet.

Die 350 bis 500 männlichen Häftlinge aus Sachsenhausen waren für etwa ein halbes Jahr in zwei Baracken am Rande der Baustelle untergebracht. Ab Mai 1939 wurden auch weibliche Gefangene für den Bau des Lagers eingesetzt. Das KZ war zunächst für 1.500 Gefangene vorgesehen, die Belegungsstärke wurde aber bereits im Juli 1939 auf 3.000 erhöht.

Ein Gefängnistrakt war anfangs nicht geplant. Auf Vorschlag des ersten Lagerkommandanten wurde jedoch ein Lagergefängnis errichtet, um zusätzliche Strafmaßnahmen zu ermöglichen.

Weiterer Ausbau 1940-1941

Im Verlauf des Krieges wurden immer mehr Frauen in das Konzentrationslager eingeliefert. Die SS ließ das alte Lager durch ein neues ergänzen und auf dem Gelände Werkhallen für die Waffen-SS-eigene „Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH“ errichten. Dort stellten weibliche Häftlinge Uniformen und Häftlingskleidung her, webten Stoffe und reparierten Schuhe. Insgeheim war die Schneiderei auch ein Ort des Widerstands. Dort sammelten Häftlinge Namenslisten und notierten Transportstärken. Auf diese Weise blieb ein Teil der Transportlisten erhalten.

Die Dienstvorschrift verpflichtete alle Häftlinge zur Arbeit. Arbeitsunfähigkeit konnte lebensgefährlich sein. Ende 1941 kam es zu ersten „Selektierungen“ im Rahmen der Mordaktion „14f13“. Die ausgesonderten Häftlinge wurden im Folgejahr in Heil- und Pflegestätten ermordet.

Im April 1941 richtete die Inspektion der Konzentrationslager in Ravensbrück ein Männerlager ein. Die etwa 1.500 bis 2.000 Häftlinge wurden für den weiteren Ausbau des Lagers eingesetzt.

Wirtschaftliche Ausbeutung 1942-1943

Die Ausweitung von Völkermord und Kriegswirtschaft betraf auch das KZ Ravensbrück. Von März bis Juli 1942 unterstand dem KZ die Frauenabteilung in Auschwitz, die mit einem Transport von 1.000 Gefangenen aus Ravensbrück, überwiegend „asozialen Vorbeugehäftlingen“, eröffnet wurde. Im Oktober 1942 ordnete Reichsführer-SS Himmler an, alle Konzentrationslager im Reichsgebiet „judenfrei“ zu machen. Kurz darauf ließ die SS fast alle Jüdinnen aus Ravensbrück in das KZ Auschwitz-Birkenau deportieren.

Um der wachsenden Kriegswirtschaft Arbeitskräfte zu beschaffen, richtete das KZ Ravensbrück ab Dezember 1942 zahlreiche Außenlager an Orten der Rüstungsproduktion ein. Direkt neben dem Lager baute das Unternehmen Siemens & Halske 1942 Werkhallen.

Nahe dem KZ Ravensbrück eröffnete die Kriminalpolizei im Juni 1942 das „Jugendschutzlager“ Uckermark zur Unterbringung von als „asozial“ stigmatisierten Mädchen.

Verelendung und Vernichtung 1944-1945

1944 stieg die Zahl der Häftlinge enorm an. Angesichts der vorrückenden Roten Armee wurden die Lager in Osteuropa aufgelöst und die Gefangenen Richtung Westen gebracht. Nach dem Warschauer Aufstand kamen etwa 12.000 polnische Frauen und Kinder nach Ravensbrück. Die Lagerleitung ließ im neuen Lager ein Zelt aufstellen. Ende 1944 befanden sich rund 45.000 Häftlinge im überfüllten KZ und seinen Außenlagern. Die SS begann mit systematischen Tötungen. Anfang 1945 richtete sie im „Jugendschutzlager“ Uckermark ein Sterbelager ein. Tausende Häftlinge waren dort planvoller Unterversorgung ausgesetzt, zahllose starben. In Ravensbrück ließ die SS eine Gaskammer errichten und 5.000 bis 6.000 Häftlinge vergasen.

In den Jahren 1939-1945 sind etwa 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.000 weibliche Jugendliche als Häftlinge registriert worden. Die nach Ravensbrück Deportierten stammten aus über 40 Nationen, unter ihnen Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. Zehntausende wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente.

Kurz vor Kriegsende kamen durch Bemühungen des Schwedischen und Dänischen Roten Kreuzes 7.700 Frauen frei. In den letzten Apriltagen wurden alle verbliebenen marschfähigen Häftlinge zu Fuß aus dem Lager getrieben. Am 30. April 1945 befreiten sowjetische Truppen etwa 2.000 zurückgelassene kranke Häftlinge.