Margrit Wreschner-Rustow

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Margrit Wreschner-Rustow wurde 1925 in Frankfurt/Main als Marguerite Wreschner geboren. Sie wuchs in einer orthodox-jüdischen Familie auf. Ihre Mutter stammte aus einer jüdischen Familie in Ungarn, während ihr Vater in Deutschland aufgewachsen war. Er war Teilhaber einer Metall- und Erzfirma. Beide Eltern brachten Kinder aus geschiedenen Ehen mit in die neue Familie: Margrit hatte drei Halbgeschwister und eine Vollschwester namens Charlotte. Sie war das jüngste der insgesamt fünf Kinder.
Ihre Eltern sahen in Bildung und Hilfe für Schwächere wesentliche Punkte der Erziehung.
Nach der Machtübernahme der Nazis und deren Judengesetzen, wanderte die Familie 1935 nach Amsterdam aus, wo der Vater nach zwei Jahren verstirbt. Einige Familienmitglieder konnten weiter nach Übersee flüchten. Margrit blieb mit ihrer Schwester Charlotte und ihrer Mutter Friederike mit der Familie eines Bruders in den Niederlanden.
Die Schulen dort waren deutlich besser als in Deutschland. Um eine Schule besuchen zu können, mußte Margrit die niederländische Sprache lernen. Der Direktor ihrer Schule wurde durch seine Hilfsbereitschaft und Offenheit eine wichtige Bezugsperson für Margrit.

„Mein Direktor war ein ganz besonderer Mann und eine wichtige Person in meinem Leben!“

Mit der Besetzung durch die Nazis, erhielten die Judengesetze auch in den Niederlanden ihre Gültigkeit. Für Margrit bedeutete das auch, dass sie die Schule nun nicht mehr besuchen durfte. Der Direktor und andere jüdische Lehrer wurden entlassen. In Berührung mit der Vernichtung der Juden kam sie nicht nur durch den englischen Radiosender BBC, den sie trotz des gesetzlichen Verbots von Rundfunkgeräten hörte. Ihr ehemalige Schuldirektor wurde verhaftet und in ein Konzentrationslager überführt.
1942 ordnen die Nazis allen jüdischen Männer den Namen Israel und allen jüdischen Frauen den Namen Miriam zu. Schließlich verloren alle deutschen Juden, also auch Margrits Familie, ihre Staatsbürgerschaft und waren somit staatenlos. Sie mussten fortan einen Judenstern tragen.
Auch Margrits Bruder wurde in ein Konzentrationslager verbracht. Er wurde in Bergen-Belsen inhaftiert.
Sie selbst und ihre Schwester konnten sich vorerst vor einer Deportation schützen. Nachts schälten sie Kartoffeln und bereiteten Sandwiches zu, die von den Nazis an Gefangene, vor deren Abreise in Zwischenlager, verteilt wurden. Diese Arbeit war von den deutschen Besatzern anerkannt. Dieser Schutz währe nicht lange und so mussten sich die drei Frauen – Margrit, Charlotte und deren Mutter Friederike – einige Zeit später, in einem Waldgebiet in der Nähe eines kleinen Städtchens verstecken. Nach ein bis zwei Wochen gaben sie ihr Versteck auf, um nach Hause zu fahren und dem Bruder ein Paket nach Bergen-Belsen zu schicken.

Westerbork

An einem Samstagmorgen wurden alle drei verhaftet und in das Durchgangslager nach Westerbork gebracht.

„Es war unsere erste Erfahrung gefangen zu sein und alles hinter uns lassen zu müssen. Trotzdem ging es uns noch verhältnismäßig gut, da unsere Familie dort noch nicht auseinander gerissen wurde und wir noch keinem großen Hunger ausgesetzt waren. Nachdem wir die Niederlande verließen, war das Land beinahe >>Judenrein<<.“

Im Durchgangslager Westerbork hat Margrit unter Anderem als Krankenschwester gearbeitet und Kindern geholfen. Da Margrit, ihre Mutter und Schwester ungarische Pässe besaßen, wussten sie, dass sie nicht nach Auschwitz deportiert werden konnten.

Beginn ihres Lebens in Ravensbrück

Im Januar / Februar 1944 wurde die kleine Familie zusammen mit anderen Frauen und ihren Kindern zu einer Gruppe von insgesamt ca. 60 Personen aufgestellt, um mit einem Zugtransport in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück geschickt zu werden.

„Während unserer Fahrt befanden wir uns in normalen Wagen mit Bänken, aber hatten keine Toiletten und bekamen keine Nahrung. Unsere nächtliche Ankunft war traumatisierend: Kinder schrien und SS-Männer brüllten >>Raus mit euren Klamotten! <<.

Ich wusste genau, dass wir nach Ravensbrück kamen.“

Nach drei Tagen dieses quälenden Zugtransports kamen Margrit, ihrer Schwester Charlotte und ihre Mutter Friederike in Ravensbrück an. Im Gegensatz zu anderen Frauen, wurden ihnen nicht die Haare geschoren. Alle Frauen wurden geduscht und bekamen dieselbe, blau-grau gestreifte Haftkleidung. Sie erhielten zudem ihre Häftlingsnummer und einen Judenstern, der aus einem gelben und einem roten Dreieck zusammengesetzt war. Diesen mussten sie auf ihre Jacke aufnähen.

„Mit uns wurde weniger streng umgegangen, zum Beispiel konnte ich verschiedene Sachen mit hindurch schmuggeln. Zu dem Zeitpunkt unserer Ankunft war Ravensbrück fast vollkommen >>Judenrein<< da vorher sehr viele Juden vergast wurden. Im Lager gab es verschiedene Gruppierungen: religiöse Gruppen, politische Gruppen, Asoziale und Mischlinge (Halbjuden).“

Die ersten vier Wochen mussten sie in Quarantäne in einer separaten Baracke ausharren. Später meldete sich Margrit freiwillig für die Arbeit bei Siemens, ihre Schwester verweigerte es zunächst, jegliche Arbeit zu verrichten. Charlotte musste sich beugen und arbeitete in den SS-Werken. Im Gegensatz zu Margrit musste sie dort ein bestimmtes Pensum schaffen. Um den Druck zu erhöhen wurden Hunde auf die Frauen gejagt. Diesem immensen Druck war Margrit nicht ausgesetzt, da Siemens nicht berechtigt war, die Frauen zu bestrafen. Später konnte Charlotte ihrer Schwester Margrit heimlich zur Arbeit bei Siemens folgen und arbeitete fortan in dieser etwas mehr geschützten Atmosphäre.

„Somit war ein >Leben< im KZ möglich.“

Ihre Arbeit bei Siemens

Margrit wollte für Siemens arbeiten, weil sie wusste, dass die Arbeit in geschlossenen Räumen stattfindet. Dafür galt es einen Eignungstest zu bestehen, der darin bestand, Papier zu falten und Draht in eine bestimmte Form zu biegen. Zu diesem Test der Fingerfertigkeit gab es noch einen Sehtest. Margrit bestand diese Tests und bekam einen Platz in Halle 12 unter der Leitung eines Herrn Stöber zugewiesen.
Ihre Arbeit bestand darin, den Draht auf Spulen zu wickeln und diese anschließend in Lack zu tauchen. Die Spulen wurden dadurch konduktiv. Anschließend mussten die Spulen noch einen Tag lang gebacken werden. Margrit empfand diese Arbeit als sehr langweilig, ist dabei sogar eingeschlafen.
Später stellte sie als Vorarbeiterin auch Widerstände aus Kohlenstaub her, die zum Beispiel für Bügeleisen verwendet wurden. Da Margrit eine große Sprachvielfalt besaß, konnte sie diese führende Position als Vorarbeiterin ausführen. Besonders begehrt war sie wegen ihrer Muttersprache Deutsch. Dadurch erhielt sie das Privileg, sich mit den bei Siemens arbeitenden Zivilisten unterhalten zu dürfen, die ihr von Zeit zu Zeit als Informationsquelle dienten. Während die Frauen ihre Arbeit bei Siemens verrichteten, waren auch in den Siemens-Werkstätten SS-Aufseherinnen für die Kontrolle verantwortlich. Im Gegensatz zu den Aufseherinnen im SS-Lager hatten diese allerdings keine Hunde. Manche von ihnen waren sogar freundlich.

Margrits Mutter Friederike bestand den Eignungstest nicht und musste sich weiterhin den widrigen Umständen der viel schwereren Arbeitseinsätze innerhalb und außerhalb des Hauptlagers stellen.
Ihre Schwester Charlotte konnte den Eignungstest für die Arbeit in den Siemens-Werkstätten bestehen. Gemeinsam zu arbeiten, war den Schwestern jedoch nicht möglich. Charlotte arbeitete immer stets in der Tagesschicht von 06 bis 18:00 Uhr, Margrit hingegen arbeitete immer wöchentlich im Wechsel nachts und am Tag. Um Kontakt zu einander zu halten, hinterließen sie sich Briefe, welche verboten waren. Eines Tages wurden die Briefe von den Aufseherinnen entdeckt. Daraufhin hielten sie die Schwestern für ein homosexuelles Liebespaar.

„Als Häftlingen wurde uns nicht geglaubt, dass wir Schwestern sind. Die Aufseherin sagte zu mir >>du wirst bestraft<<. Ich hatte Angst, aber es ist nie etwas passiert.“

Im Laufe der Zeit wollte Siemens bessere Bedingungen für ihre Arbeiterinnen. Die Frauen waren unterernährt und meist zu schwach, so dass sie regelmäßig an ihren Arbeitsplätzen einschliefen.
Daraufhin wurde Ende des Jahres 1944 neben dem Hauptlager das Siemenslager errichtet. Margrit und ihre Schwester konnten ab diesem Zeitpunkt im Siemenslager nächtigen und verbleiben. Ihre Mutter blieb allein im SS-Lager zurück.
Die Umstände im Siemenslager waren insofern besser, dass man ein eigenes Bett hatte und mehr Essen bekam. Außerdem gab es Arbeitszulagen.

„Morgens bekamen wir Getreide-Kaffee, eher >>schwarzes Wasser<<, und ein Stück Kommissbrot. Wöchentlich gab es für Jeden 1 Stück Margarine und etwas Kunsthonig. Mittags aßen wir eine meist sehr dünne aber warme Suppe, die aus Steckrüben und Wasser bestand. Selten fand man ein Stück Fleisch darin. Abends bekamen wir wie am Morgen Kaffee und Brot.“

Das Leben als Häftling

Es gab keine Schränke. Man bewahrte seine Sachen im Bett auf. Auch das Essen, das man versuchte sich aufzusparen, versteckte man darin. Da die Mithäftlinge neidisch aufeinander waren, bestahlen sie sich gegenseitig.

„Viele vergaßen unter diesen Umständen ihre Identität. Ein Mädchen, an das ich mich erinnere, vergaß zum Beispiel ihren Namen. Ich hatte den Vorteil, dass meine Schwester und ich immer zusammen waren und wir uns dadurch unterstützen konnten.

Oft in der Nacht, wenn ich gerade arbeitete, drohten Fliegerangriffe – wir dachten zunächst wir würden von unserem Leid im Lager erlöst, aber es ist nie etwas passiert.“

„Andere Frauen waren neidisch, dass wir mehr zu Essen hatten und erzählten etwas Böses über mich. Somit wurden mir ein Paket und sämtliche Kleidung abgenommen. Ich hatte keine Unterhose mehr, die ich in der nächsten Woche hätte tauschen können. Schließlich nähte mir eine andere Frau aus Lumpen von Siemens eine Unterhose, ich schrieb sogar die Details >>FKZ RavensbrückKomm mit, du bekommst jetzt Prügel! Morgen geht es weiter! <<.“

Jeder Häftling durfte einen Brief pro Monat schreiben. Margrit schrieb an ihre Geschwister, musste jedoch, wegen der strengen deutschen Zensur, die Wahrheit über ihr Befinden, verheimlichen.
Pakete, die an sie geschickt wurden, wurden abgefangen. Ein Paket sollte sie einmal erreichen, zu der Zeit in der die Mutter bereits krank war und kurz vor dem Hungertod stand. Es war ein Essenspaket, doch für die Mutter kam auch das zu spät. Sie starb am 08.Januar 1945. Bevor sie starb, durften Margrit und Charlotte ihre Mutter noch einmal sehen.

>>Wir haben sie sogar noch einmal gefüttert.<<

Theresienstadt

Bei einem Appell, ca. drei Wochen nach dem Tod der Mutter, wurden Margrit und ihre Schwester aufgerufen. Den Häftlingen wurde angekündigt, dass sie nach Theresienstadt deportiert werden würden, um eine >>Himmelfahrtsspritze<< zu bekommen. Beide hatten schreckliche Angst. Das weitere Schicksal der Häftlinge war aus Sicht der SS jedoch nicht sicher. Es war möglich, dass die nach Theresienstadt abgeschobenen Häftlinge überlebten. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Kriegsniederlage, wollte man niemanden nach „Draußen“ lassen, der Spuren der Vernachlässigung oder gar der Folter aufwies. Solche Spuren hätten nach einem verlorenen Krieg ja schließlich als Beweis für die Schandtaten der SS Verwendung finden können.

Die abzuschiebenden Häftlinge mussten sich folglich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Viele Häftlinge hatten die Krätze, weshalb auch Hautuntersuchungen stattfanden. Der Arzt erklärte Margrit und ihrer Schwester, dass ihre Haut weder verkratzt noch vernarbt war. Nach der Untersuchung wurden Margrit und ihre Schwester gewaschen und durften nicht mehr in die Schlafhalle zurück.
Am nächsten Tag wurden Margrit und Charlotte sowie drei weitere Häftlinge nach Theresienstadt transportiert. Bis Berlin fuhren sie in normalen Personenzügen. In Berlin wurden sie dann in einen Zug der Wehrmacht verlegt und fuhren weiter über Prag nach Theresienstadt. Auf der Fahrt dorthin, sagte man ihnen, dass sie keine Angst haben müssen, da der Krieg bald vorbei sei.
Doch Angst mussten sie weiterhin haben. Vier Wochen lang wurden sie in Theresienstadt in einem kleinen Keller gefangen gehalten. Sie wurden vom SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann und vier seiner SS-Offiziere verhört.

Aus den Verhören entlassen, mussten sie bis zur Befreiung im Alters Ghetto Theresienstadt um ihr Überleben bangen. Ihnen war es verboten, von ihren Erfahrungen in Ravensbrück und der Judenverfolgung zu sprechen.

Die Befreiung und die Rückkehr nach Hause

Ungefähr drei Monate später, am 9. Mai 1945, wurden Margrit und Charlotte von der russischen Armee befreit. Die Soldaten glichen eher Partisanen, da sie keine Uniformen trugen. Die SS zog sich zurück, das Rote Kreuz übernahm das Lager. Margrit und ihre Schwester beschlossen wegzulaufen. Der Fahrer eines Lastwagens nahm die Geschwister bis nach Prag mit. Von Prag aus fuhren keine Züge. Nach drei Wochen konnten sie von dort aus über Pilsen in den Süden der Niederlande zurückkehren. Diese Heimreise dauerte zehn Tage. Dort erfuhren sie, dass ihr Bruder und seine Familie während und nach dem Transport nach Theresienstadt, an Typhus gestorben waren.
In den Niederlanden kamen sie zunächst in einer Pension unter, bis sie von Freunden erfuhren, dass ihr Haus noch unversehrt existiert.

„Es war ein unglaubliches Gefühl wieder zu Hause anzukommen und alles so vorzufinden, wie wir es damals verlassen hatten. Wir nahmen Menschen bei uns auf und waren schließlich etwa zu zehnt. Wir mussten lernen, wieder ein normales Leben zu führen und ich stellte mir die Frage >>Was jetzt? <<“

Margrits neues Leben

Margrits und Charlottes Neubeginn in ein neues Leben gelang den beiden jedoch recht schnell. Sie versuchten ein normales Leben zu führen und sich für die neue Gesellschaft einzusetzen. Sie bildeten Jugendgruppen. Ihr Haus wurde zu einem Anlauf- und Treffpunkt für nach und nach eintreffende Angehörige und Freunde, die aus den Konzentrationslagern zurückkehren konnten. Doch haben nicht alle überlebt und Margrit litt sehr unter dem Verlust ihrer Schulfreunde.
Sie bewarb sich für ein Stipendium in Genf, bekam dieses und begann dort ein einjähriges Studium. Margrit arbeite mit jüdischen Kindern, die im Krieg ihre Eltern verloren hatten. 1947 besuchte ihre ältere Schwester die anderen Geschwister in Amerika. Daraufhin emigrierten Margrit und Charlotte nach den USA. Margrit setzte dort ihre Arbeit mit Kindern und ihr Studium fort.
Die Gründung des Staates Israel, bewegten Margrit und Charlotte dazu 1949 nach Israel zu gehen. Bis 1956 lebte und arbeitete Margrit in Israel. Während dieser Zeit entschloss sich Margrit dazu, Psychoanalytikerin zu werden. Indes ihre Schwester in Israel blieb und dort Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem wurde, ging Margrit als Studentin nach Amerika, beendete dort erfolgreich ihr Studium und begann als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin zu wirken. Durch ihr Studium begann sie, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.
In den USA heiratet Margrit einen gebürtigen Berliner, der vier Kinder aus früheren Ehen hatte. Zusammen hatten sie keine Kinder. Bis heute lebt und arbeitet Margrit Wreschner-Rustow in den USA.

„Trotz allem hatte ich eine schöne Kind- und Jugendzeit und ein sehr sicheres Zuhause. Ich glaube, das hat mir später geholfen. Ich war zwar der Meinung, ich wollte nicht in Deutschland bleiben, habe aber nie gesagt, dass ich nicht eines Tages für einen Besuch zurückzukehren würde.

Im Lager träumte ich von frischer Wäsche und davon, in einem richtigen Bett schlafen zu können. Ich wollte frei sein und darüber sprechen können. Ich wollte keinen Hunger mehr leiden und ohne Angst leben können, mich nicht mehr fragen müssen, ob es sich lohnt jeden Tag zu kämpfen, oder ob es besser wäre, aufzugeben.“