Leon Henry Schwarzbaum

 

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Leon Henry Schwarzbaum wurde am 20. Februar 1921 in Hamburg-Altona geboren. 1923 zog die Familie Schwarzbaum in die oberschlesische Kleinstadt Bendzin – zu dieser Zeit eine der größten jüdischen Gemeinden im damaligen Polen. Die Eltern betrieben dort eine Manufaktur für Daunen- und Steppdecken. In Bendzin besuchte Henry das von seinem Onkel gegründete Fürstenberg-Gymnasium, auf dem er 1939 sein Abitur machte.

Nach dem Einmarsch der Deutschen wurde das Geschäft der Eltern beschlagnahmt. Auch die Wohnung musste die Familie aufgeben und zog in das von den Besatzern in einem Außenbezirk eingerichtete Ghetto. Bei der Räumung des Ghettos im August 1943 wurden Henrys Eltern, seine Tanten und Onkel verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort am selben Tag in den Gaskammern ermordet. Henry floh in eine Nachbarstadt, wurde dort von der SS aufgegriffen und ebenfalls in das nur 50 Kilometer entfernte Auschwitz gebracht.

Um zu überleben, musste Henry den täglichen Selektionen entgehen. Ein Mithäftling gab ihm die Information, dass dies nur möglich sei, wenn man eine Funktion innehaben würde. Henry war zunächst ein sogenannter „Läufer“, der Informationen innerhalb des Lagers überbrachte. Tagtäglich musste er das Grauen in Auschwitz miterleben und hoffte jeden Tag aufs Neue, den Selektionen zu entgehen. Ende 1943 suchte die Siemens-Schuckertwerke AG Zwangsarbeiter für eine Produktionsstätte im in der Nähe des Konzentrationslagers gelegenen Bobrek und kooperierte in dieser Angelegenheit mit der SS. Henry Schwarzbaum hörte in Auschwitz von dieser Rekrutierungsmaßnahme und ließ sich von Siemens-Mitarbeitern als Zwangsarbeiter für das Außenlager Bobrek anwerben. Nach dem Aufbau der Produktionsstätte, an dem Henry beteiligt war, begann dort im Mai 1944 die Produktion. Henry Schwarzbaum war im Magazin für die Herausgabe von Werkzeugteilen und Geräten verantwortlich.

Nach der Räumung von Auschwitz und auch der Produktionsstätte in Bobrek im Januar 1945, wurde Henry zunächst nach Buchenwald verlegt, bevor er von dort mit 88 anderen Häftlingen im Februar 1945 in das Außenlager »Haselhorst« von Sachsenhausen in Berlin-Siemensstadt verbracht wurde. Auch dort musste er für die Firma Siemens Zwangsarbeit leisten. Als am 28. März 1945 das Lager in Berlin-Siemensstadt bombardiert wurde, wurden Henry und die anderen Häftlinge nach Sachsenhausen gebracht und von dort im April 1945 auf den Todesmarsch geschickt. Kurz vor Schwerin wurden Henry und andere Mithäftlinge des KZ Sachenhausen, die den Todesmarsch überlebten, von einer amerikanischen Einheit befreit.

Nach der Befreiung versuchte Henry Schwarzbaum vergeblich, Teile seiner Familie in Polen zu finden. Mit Kameraden und Freunden, ohne einen gelernten Beruf entschied sich Henry für einen Neuanfang in Berlin, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Die beiden bauten gemeinsam ein Antiquitätengeschäft am Wittenbergplatz auf, das er bis zu seinem Ruhestand führte. Seit seinem Ruhestand erzählt Leon Henry Schwarzbaum seine Geschichte und leistet einen großen Beitrag zu Erinnerung und Aufarbeitung des geschehenen Unrechts. Zuletzt tat er dies in der ersten Jahreshälfte 2016 als Nebenkläger im Prozess gegen den ehemaligen Auschwitz-Wachmann August Hanning.

Bobrek – Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz

Henry Schwarzbaum wurde in Auschwitz von Siemens-Mitarbeitern für die Zwangsarbeit ausgewählt und leistete daraufhin in Bobrek Zwangsarbeit für die Siemens-Schuckertwerke AG. Bobrek liegt knapp zehn Kilometer von Auschwitz entfernt, direkt an der Weichsel.

Henry Schwarzbaum gehörte ab Dezember 1943 mit anderen Häftlingen zu dem Teil der Zwangsarbeiter, die die Werkhalle einer vormaligen Ziegelei instandsetzen mussten. Anfang Mai 1944 wurde dann hier die Produktion aufgenommen. Produziert wurden Elektroarmaturen für Flugzeuge und U-Boote.

Die Lebensbedingungen waren hier weitaus besser als im Stammlager. Überlebende hoben aber vor allem den Schutz vor Selektionen und dem Terror der SS hervor – dies war eine notwendige Voraussetzung für die Erhaltung der Arbeitskraft bzw. für eine Arbeitsatmosphäre, in der die Häftlinge Präzisionsarbeit verrichten sollten. Das Außenlager Bobrek wurde am 19. Januar 1945 aufgelöst.

Henry Schwarzbaum berichtete uns von seiner Arbeit in Bobrek:

„Bei Siemens war es nicht so schlimm – es gab keine Selektionen – das war das A und O. Hygiene, Verpflegung und Behandlung bei Siemens waren gut. Auch Frauen waren im selben Lager – natürlich nicht im selben Block – 250 Jungs und 30 Frauen – auch Simone Veil – ein bildhübsches Mädchen, war in diesem Kommando. Die Mädchen haben in der Küche und im Büro gearbeitet. Die Männer haben am Anfang das Haus umgebaut, das Dach abgetragen – auf einer Stange sitzend – mit Angst dass diese Stange bricht – es ging aber gut.

Dann kamen das Dach und die Maschinen aus Berlin und es ging los. Man wusste nicht genau was produziert wurde – nur dass die Teile für Flugzeuge und Unterseeboote waren. Ich habe im Magazin gearbeitet und habe die benötigten Geräte und Werkzeuge rausgegeben. Ursprünglich war ich Galvano-Techniker – diesen Beruf habe ich in Bendzin gelernt.

Ich habe in Auschwitz geglaubt, dass Siemens so einen Galvano-Techniker braucht – deshalb habe ich mich gemeldet. Es gab keinen Test – sie brauchten auch keinen Galvano-Techniker, aber genommen haben sie mich trotzdem.

Ein Arbeitstag dauerte von 9 Uhr bis 18 Uhr – sechs Tage die Woche. Es gab also einen Tag Pause, an dem man sich unterhalten hat. Draußen vor der Fabrik stand ein Autowrack, in das ich mich mit einem Freund öfter hineingesetzt habe. Der Schnee plätscherte vor sich hin und mein Freund zeigte mir, wie ein Auto funktioniert. Man hat sich unterhalten – z.B. wo die Front verlief. Man konnte also absehen, wann der Krieg zu Ende gehen könnte. Nach Stalingrad war klar, dass die Deutschen den Krieg verloren haben und man hoffte zu überleben.

Bei Siemens gab es keine Strafen – nur Arbeit – man musste nur gut arbeiten. Weil man gut behandelt wurde, arbeitete man gut – man wollte überleben. Mir ist kein Fall bekannt, in dem jemand für eine falsche Arbeit bestraft wurde. Den Zwangsarbeitern standen Meister und Vorarbeiter zur Seite, die sie beaufsichtigten und anleiteten.

Vom Siemens-Kommando haben alle überlebt – bis auf einen, der von einer Leiter gefallen war und ins große Lager (Auschwitz) zurückkam.“

Exzerpiert aus einem Video-Interview im September 2015, Projekt siemens@ravensbrück 2015.

BOBREK – ZWANGSARBEIT FÜR SIEMENS NAHE AUSCHWITZ

Im Lager Bobrek, nahe Auschwitz, betrieb die Siemens-Schuckertwerke AG in den Jahren 1943 bis 1945 eine Werkzeugmaschinenfertigung, in der etwa 200 Häftlinge des KZs Auschwitz arbeiteten. Henry Schwarzbaum war einer von ihnen. Unten findet Ihr einige Eindrücke dieses Lagers. Die Fotos zeigen wir mit freundlicher Genehmigung von Leon Henry Schwarzbaum.