Arbeitsbedingungen

DIE LAGE DER ZWANGSARBEITERINNEN DER SIEMENS PRODUKTIONSSTÄTTE RAVENSBRÜCK

Die Verhältnisse in Ravensbrück wurden von den dort eingewiesenen Frauen in verschiedenen Erinnerungsberichten weitgehend einheitlich als scheußlich und entwürdigend geschildert, wenn auch öfters betont wird, dass die Arbeit im Siemens-Betrieb gegenüber den anderen Beschäftigungen noch die am besten zu ertragende gewesen sei (Feldenkirchen 2003, 174).

Rita Sprengel, ehemals Häftling in Ravensbrück, berichtet über die Arbeitsbedingungen bei Siemens in Ravensbrück: „Als ich im November 1942 zum ersten Mal Baracke 2 des Siemenshäftlingsbetriebs betrat, verschlug es mir den Atem. In Ravensbrück hatte ich bisher erlebt, wie der „Sinn“ unserer Arbeit nicht im Arbeitsergebnis, sondern im Quälen und Vernichten der Häftlinge bestand. Und nun so etwas! Eine helle, gut eingerichtete, blitzsaubere Fabrikhalle! Auch die Arbeitsplätze entsprachen dem damaligen arbeitswissenschaftlichen Stand: Verstellbare Arbeitsstühle mit Rücken- und Armstützen! Natürlich war der „Komfort“ nicht den Häftlingen zuliebe geschaffen. Ohne diese Arbeitshilfen wären die Leistungen der Spulenentwicklerinnen niedriger gewesen, die Ausschussquoten wesentlich höher gewesen. Bei zu niedriger Raumtemperatur aber waren die Drähte überhaupt nicht zu bearbeiten Doch unabhängig von den Ursachen all dieses „Komforts“ verzögerte er zunächst einmal unser Ende.“ (Jacobeit, S. 162). Auch bei Krause-Schmitt (S. 39) heißt es dazu, dass die Ausstattung der Hallen dem „Schutz des feinen Materials [galt], das hier produziert wurde.“

Die Arbeiterinnen waren durch Schikanen wie das stundenlange Appelstehen oder durch Schikanen wie schwere körperliche Arbeiten statt Freizeit körperlich wie nervlich geschwächt (Jacobeit, S. 166). Die Arbeit bei Siemens erforderte jedoch eine hohe Konzentration, die Qualität der Produktion war bedroht, weshalb die Siemens-Verantwortlichen erfolglos versuchten den von der SS auf elf [bis zu zwölf] Stunden festgesetzten Arbeitstag auf neun Stunden zu verkürzen, bzw. eine Erhöhung zu verhindern (Krause-Schmitt, S.40)

„Nicht zuletzt angesichts [der] elf- bis zwölfstündigen Schichten wurde die „leichte“ Arbeit von vielen Häftlingen doch als „schwer“ empfunden. Zudem mangelte es an Arbeitsschutz – an Maschinen fehlten Schutzvorrichtungen – es kam zu Verletzungen an Händen, Fingern und Augen (Metallsplitter)“ (Strebel, 408).

Bis zum Herbst 1944 unterschieden sich die Existenzbedingungen im Siemenslager kaum von denen der übrigen Lagerhäftlinge. Bekleidung und Unterbringung waren gleich, die langwierigen Zählappelle mussten ertragen werden (Strebel, 403). Lediglich die Verpflegung unterschied sich um eine Nuance: Selma van de Perre und Margrit Rustow berichten über eine zusätzliche Scheibe Brot pro Tag – zum Mittagessen musste man wieder zurück ins Hauptlager.

Die Arbeitsbedingungen verbesserten sich ab Oktober 1944: die Mittagsration wurde aus dem KZ direkt zu Siemens transportiert, so dass der beschwerliche Weg zurück ins Hauptlager ausbleiben konnte. Im Dezember 1944 wurden zudem 13 Schlafbaracken in der Nähe der Werkhallen gebaut, welche das Hin und Her zwischen Haupt- und Siemenslager obsolet werden ließ (Jacobeit, 168). Die oft stundenlangen Frühappelle des Hauptlagers fanden im Siemenslager nicht mehr statt. Selma van de Perre und Margrit Rustow berichten, dass die Baracken geräumiger wurden. Schliefen die Insassin vorher zu zweit oder dritt in einem Bett, so hatte nun jede ein eigenes Bett und statt drei Betten übereinander gab es Doppelstockbetten. Hingegen beschreibt Yvonne Useldinger, ebenfalls Zwangsarbeiterin, die Siemensbaracken als „noch primitiver als die des großen Lagers“, da es „für alle Baracken ein[en] viel zu kleinen Waschraum und eine offene Latrine [gab].“ (Krause-Schmitt, S. 44)

Die Errichtung des Siemenslagers war der Erkenntnis geschuldet, dass die Unterbringung im Hauptlager und der beschwerliche Weg vom Hauptlager zu Siemens und zurück, den Produktionsablauf belastete.