Irene Fainmann-Krausz

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Irene mit ihrem Sohn

Irene Fainman-Krausz wurde am 1.10.1935 in Schiedam in den Niederlanden geboren, als Tochter einer englischen Mutter (Rachel) und eines ungarischen Vaters (Bela). Dort lebte sie mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Don. Sie hatte eine schöne Kindheit.

Am 16. September 1942 endete diese schöne Kindheit – Irene war sieben Jahre alt – sagte ihre Mutter, dass sie heute nicht zur Schule gehen könne. Irene fragte warum, bekam aber keine Antwort. Kurz darauf kamen holländische Nationalsozialisten und teilten der Familie unmissverständlich mit, dass sie in zehn Minuten, pro Person eine Tasche zu packen hätten. Irenes Mutter war auf diesen Besuch vorbereitet. Die Taschen waren fertig gepackt. Die gesamte Familie wurde daraufhin in das Durchgangslager Westerbork, unweit der deutschen Grenze, verschleppt.

In Westerbork wurden Menschen interniert, die den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge waren. Einmal in der Woche ging ein Zug nach Auschwitz. Die Angst auf der Liste derer zu stehen, die in den Zug steigen mussten, war ein ständiger Begleiter im Lageralltag. Dieser war für Irene aber nicht besonders schlimm: sie hatte ihre Eltern und ihren Bruder bei sich, konnte mit anderen Kindern spielen und lernte hebräische, deutsche und holländische Lieder. Die Eltern mussten arbeiten. Es gab im Lager keine Bestrafungen.

Zwei Jahre verbrachte die Familie im Lager Westerbork, bis im Februar 1944 der Vater Bela von seiner Familie getrennt und nach Buchenwald deportiert wurde. Nur zwei Tage späte wurden Rachel, Irene und Don mit dem Zug über Nacht nach Ravensbrück gebracht. Von hier aus wurde Don nach Sachsenhausen geschickt.

Die Frauen mussten in einer großen Halle alle Kleider ablegen. Schmuck musste auch abgegeben werden. Rachel wurde gezwungen ihren Ehering zu übergeben, das letzte Andenken an ihren Ehemann. Das war das erste Mal das Irene ihre Mutter weinen gesehen hat.

Viele der Frauen wurden kahl geschoren, aus Angst vor Läusen. Irene und ihre Mutter hatten allerdings gewaschene und gekämmte Haare und wurden nicht geschoren. Die Frauen bekamen die gestreifte Häftlingskleidung, Jacke und Hose, eine Unterhose und hölzerne Clogs – keine Socken. Irene durfte ihre gesamte Kleidung behalten, weil es keine Häftlings-Uniform für Kinder gab.

Als sie wenig später die Häftlingsbaracken betrat, fing sie unvermittelt an zu schreien und konnte kaum wieder aufhören. Etwas so Schreckliches hatte sie bislang weder gesehen, noch gerochen: Kahlgeschorene Frauen unglaublich dünn, mit eingefallenen Wangenknochen und herausstehenden, ausdruckslosen Augen. Überall der Geruch seit Monaten ungewaschener Menschenkörper, ausgemergelt, krank, mit Durchfall. Durchfall der im schlimmsten Fall von der oberen Etage der dreistöckigen Betten, über die mittlere bis zur unteren durch die Matratzen aus Stroh sickerte und tropfte. Die Frauen stierten sie an und wollten sie unbedingt berühren, ihr Haar, ihren Körper, Irene empfand sie zudem als schmutzig und bedrohlich und konnte nicht zu schreien aufhören.

Morgens musste oft stundenlang in der Kälte Appell gestanden werden. Ihre Mutter versuchte Irene Augen und Ohren zuzuhalten, damit sie die Schreie der Gequälten nicht hören und deren Leid nicht sehen musste. Die Mutter musste tagsüber arbeiten – sie verlegte schwere Eisenbahnschwellen, harte Arbeit. Etwas später fand jemand heraus, dass sie Lehrerin war und sie musste fortan Kinder unterrichten.

Eines Tages machte die Mutter die sogenannte Siemensprüfung, in der ihre Sehkraft sowie die Geschicklichkeit ihrer Hände getestet wurde. Rachel musste nach abgelegter Prüfung für Siemens Zwangsarbeit leisten. Ihre Tochter nahm sie mit. Anfangs mussten sie den Weg vom Hauptlager zum Siemenslager im Pulk aller Siemens-Zwangsarbeiterinnen laufen. Rachel brachte ihrer Tochter bei, sich unauffällig zwischen den anderen Frauen zu bewegen. Rachel fertigte Mikrofone und Telefonhörer. Später gab es das Siemenslager mit Schlafbaracken, in denen jede Frau ein eigenes Bett bekam. Irene versteckte sich hier tagsüber, konnte aber auch mit einem anderen Kind unauffällig spielen. Bei Siemens war es sauberer als im Hauptlager, man wurde besser behandelt und es gab besseres Essen. Von ihrer Arbeit erzählte die Mutter nichts.

Am 28. April 1945 wurden Irene und ihre Mutter befreit. Die Weißen Busse des schwedischen Roten Kreuzes sollten eine große Zahl von Häftlingen nach Schweden bringen. Irene und ihre Mutter hatten das Glück auf die entsprechende Liste zu kommen. Als Irene durch die Tore von Ravensbrück in die Freiheit schritt fragte sie ihre Mutter ungläubig, ob dies wahr war. Nachdem Rachel dies bestätigte, fühlte Irene sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder sicher.